Wovor warnt Annie Mac eigentlich?

Annie Mac ist alles andere als technikfeindlich, und genau das verleiht ihrer Warnung Gewicht. Die Frau, die fast zwanzig Jahre lang das Dance-Programm von BBC Radio 1 verantwortete und Before Midnight um die radikale Idee herum baute, dass eine Clubnacht vor dem Absturz enden darf, weiß genau, wie viel Können und Geduld eine gute Platte verlangt. Ihr Punkt ist schlichter und schwerer abzutun: Die Mühe war nie ein Fehler. Sie war der Filter. Wenn ein Track, der früher Monate durchwachter Nächte kostete, in unter einer Minute entsteht, verschwindet still das Ringen, das das Ohr eines Produzenten formte und die Aufmerksamkeit der Hörer verdiente.

Der Preis, wie sie ihn fasst, wird zweimal gezahlt. Von dem, der produziert und das Handwerk, das die Musik erst lohnenswert machte, nie mehr lernen muss. Und von allen anderen, die nun in einem Ozean müheloser Inhalte waten, in dem nichts verdient wurde.

« Musik zu machen war nie leichter, aber zu welchem Preis? »

Geben die Zahlen ihr recht?

Ja, mit einer Wendung. Mehr als ein Drittel aller neuen Uploads bei Apple Music ist heute vollständig KI-generiert, so im April 2026 berichtete Zahlen, eine Flut, groß genug, dass Apple seither Maßnahmen eingeführt hat, um die Musik fair zu halten. Und doch machen ebendiese KI-Tracks weniger als 0,5 % der gesamten Hörzeit aus. Die Maschinen machen die Musik; die Menschen wählen sie noch immer nicht.

In dieser Lücke steckt ein Haken. Eine 2026 veröffentlichte Studie fand, dass Hörer KI-Tracks oft sehr gut bewerten, bis ihnen die Herkunft verraten wird: Dann kippt das Urteil. Die Übersättigung ist real, die Gleichgültigkeit auch, und der Wert des « von einem Menschen Gemachten » wird plötzlich sehr greifbar.

Warum trifft es die Clubmusik am härtesten?

Weil House und Techno in Kinderzimmern entstanden sind. Die ganze Mythologie dieser Szene, das Kind mit dem geliehenen Sampler, die Studiosession um 4 Uhr morgens, das White-Label, das ein Jahr brauchte, ruht auf der Prämisse, dass die Einstiegshürde zugleich die Kultur war. Senkt man diese Hürde auf null, demokratisiert man nicht bloß die Musik: Man entfernt das, was die Leute bewiesen, indem sie sie machten. Annie Mac trauert keinem Türsteher nach. Sie fragt, was ein Track wert ist, wenn er nichts kostet, und ob sich noch jemand die Mühe macht zuzuhören, wenn jeder einen produzieren kann.