Carl Cox muss auf keiner Festivalbühne mehr etwas beweisen. Er hat sie alle gespielt, oft als Headliner, und würde noch immer allein mit seinem Namen eine Arena füllen. Genau deshalb fällt auf, dass sein Label gerade eine ganze Woche damit verbracht hat, kostenlose Clubabende in Dublin und Belfast zu organisieren, statt einfach das nächste Festival draufzupacken.

ASW Live ist die neue Eventreihe von Awesome Soundwave, dem Boutique-Label, das Cox seit 2018 gemeinsam mit Christopher Coe leitet. Das Konzept ist fast trotzig klein: keine Festival-Optik, keine VIP-Bereiche, nur ein Raum, eine Anlage und Artists, die live spielen statt vom Laptop aufzulegen. Der erste Abend in Dublin, im Pawn Shop am 28. August, war kostenlos. Belfast folgte am nächsten Tag im Ulster Sports Club, beide Termine mit Coe neben dem nordirischen Techno-Veteranen Phil Kieran, der seit drei Jahrzehnten Live-Sets mit Hardware und Modularsystemen baut.

Warum klein denken, wenn man eine Arena füllen könnte?

Coe beschreibt diesen Schritt als logische Fortsetzung, nicht als Rückzug. «Weil Carl in den letzten drei Jahren fast ausschließlich mit seiner Live-Show unterwegs war, und weil wir Live-Artists konstant unterstützt haben, habe ich das Gefühl, dass wir die Live-Erfahrung schon sehr weit erkundet haben», erklärt er. «Und trotzdem fühlt es sich an, als würden wir erst anfangen.»

«Mit ASW Live wollen wir dieses Underground-Gefühl wiederherstellen, wo alles passieren kann und die Musik wieder wild und frei ist. Wir lieben es wirklich, live zu spielen.»

Das ist der eigentliche Hinweis. Awesome Soundwave hat schon in den großen Sälen gespielt: Wembley Arena, Awakenings, Mysteryland, eine feste Residency im DC10 auf Ibiza. Der Schritt hinunter zu einem Sportclub in Belfast folgt bei Cox keiner wirtschaftlichen Notwendigkeit. Es liest sich eher als Korrektur dessen, was aus der Festivalsaison geworden ist, wo sich ein Legenden-Set nachmittags um zwei auf einer Nebenbühne genauso anfühlen kann wie um drei Uhr morgens im Headline-Slot, zwischen Social-Media-tauglichen Drops und hochgehaltenen Handys.

Wie geht es weiter?

Die Reihe geht im Oktober weiter mit einem Ibiza-Termin, bei dem Sebastian Mullaert, Coe und der deutsche Live-Elektronik-Produzent Stimming für eine gemeinsame Session zusammenkommen, an einem Ort, den das Label noch nicht verraten hat. Awesome Soundwave bringt außerdem ein neues Album von Mullaert und seiner Partnerin Tamarma heraus, «Holds The Sky», geplant für den 25. September. Das Label kündigt weitere ASW-Live-Termine weltweit an, ohne bislang Details zu nennen.

Wenn das Format funktioniert, könnte ASW Live zum Vorbild für andere etablierte Artists werden: das Festivalgeld und den aufgebauten Namen nutzen, um Abende zu finanzieren, die wirklich den Geist der Szenen zurückholen, in denen diese DJs groß geworden sind, statt einfach eine weitere Bühne auf einem weiteren Festival zu bespielen.

Warum das wichtig ist

Wenn ein Artist mit der Reichweite von Carl Cox einen kostenlosen Clubabend einer weiteren Festivalgage vorzieht, ist das ein Signal, dass sich die größten Namen der Szene zunehmend fragen, was die Festivalgröße die Musik eigentlich kostet. Es gibt kleineren Veranstaltern zudem ein echtes Argument, etablierte Artists in intime Locations zu holen.

Was wir davon halten

Das funktioniert nur, wenn es bei seiner Größenordnung ehrlich bleibt. Sobald ASW Live anfängt, wie eine Festivalbühne in einem kleineren Raum auszusehen, mit derselben Produktion und denselben durchgetakteten Zeiten, ist der Sinn verloren. Der freie Eintritt in Dublin war der richtige Instinkt. Die Räume müssen klein und die Preise niedrig bleiben, sonst wird daraus ein Marketing-Move im Underground-Kostüm.