Roma Norte brauchte kein weiteres Kapitel in seiner Gentrifizierungsdebatte. Es bekam trotzdem eines, dieses Mal verpackt in den Flyer einer House-Party.

Das Video ist einfach und eindeutig. Zwei Mexikanerinnen sitzen an einem Strassencafe-Tisch und lachen. Ein Mann tritt heran und fordert sie auf Spanisch auf, leiser zu sein: "Se pueden callar? Este no es un espacio publico." Konnt ihr leise sein? Das ist kein offentlicher Ort. Die Tische stehen auf einem offentlichen Gehweg. Der Mann ist Amerikaner. Er ist auch DJezmo, der Grunder von Fabaloso, einer House-Partyreihe, die sich still bei FABA eingerichtet hatte, einer europaisch inspirierten Cantina und Naturwein-Bar im Viertel, die House-Nachte mit groovy und jazzy angelegtem Sound programmierte.

Warum hat ein Laden offentlich seine eigene Partyreihe fallen gelassen?

FABA zogerte nicht. Innerhalb eines Tages sagte der Laden den Termin am 24. Oktober ab, eine Doppelveranstaltung, die sowohl FABAs ersten Jahrestag als auch Fabalosos sechste Ausgabe feiern sollte, unter dem Namen "Fabaloso Aniversario: Desmadre Electronico". Die Erklarung war unmissverstandlich: "Esas palabras no representan quienes somos ni lo que defendemos. Lamentamos el dano que causaron." Dann ging der Laden uber eine blosse Absage hinaus: "Hemos cancelado el evento del sabado y no volveremos a trabajar con esta persona." Schluss mit Fabaloso bei FABA, endgultig.

Dieser zweite Satz ist das eigentliche Thema fur alle, die einen Laden programmieren. FABA hat sich nicht nur von einer unangenehmen Schlagzeile distanziert, sondern eine regelmassige Zusammenarbeit mit einer Partyreihe beendet, die den Kalender seit Mai gefullt hatte. In einer Szene, in der wiederkehrende Termine das Ruckgrat von Identitat und Einnahmen eines Ladens sind, ist ein offentlicher Schnitt mitten im Skandal ein Preis, den die meisten Betreiber vermeiden. FABA nahm ihn trotzdem in Kauf.

Fur wen wird Mexiko-Stadts House-Szene eigentlich gebaut?

Zieht man das virale Video ab, bleibt das Argument, das Roma Norte und Condesa seit Jahren fuhren: Wer darf den Ton angeben in Vierteln, in denen auslandische Promoter, Kollektive und DJs zunehmend die Nachte programmieren, die Anwohner direkt vor der Haustur erleben. DJezmo ist kein Stadionname. Fabaloso ist keine Festivalmarke. Genau deshalb trifft die Geschichte: Die Reibung passiert nicht in einem internationalen Megaclub, abgeschottet von der Strasse, sie passiert an einem Gehwegtisch, zwischen einem Partyveranstalter und den Menschen der Stadt, in der er feiert.

"Esas palabras no representan quienes somos ni lo que defendemos."

Der berichtete Versuch, die Veranstaltung an eine private Adresse in Roma unter dem gekurzten Namen Desmadre Electronico zu verlegen, ohne dass irgendein Laden seinen Namen dafur hergeben wollte, sagt schon viel. Wenn die Torwachter einer Szene eine Party nicht beruhren wollen, verschwindet sie nicht, sie geht nur in den am wenigsten romantischen Sinne des Wortes in den Untergrund: leise, defensiv, in der Hoffnung, dass es niemand merkt.

Was wird aus DJezmo und Fabaloso?

DJezmo soll alle seine Social-Media-Konten geloscht haben, nachdem das Video viral ging. Ob Fabaloso als Marke ohne festen Laden uberlebt und ob irgendein anderer Laden in Mexiko-Stadt bereit ist, die Reihe zu buchen, bleibt offen, in einer Szene, die gerade erlebt hat, wie einer ihrer Laden offentlich entschied, dass manche Termine die Partnerschaft nicht wert sind.