Dekmantel musste nie Schlagzeilen hinterherjagen. Zwölf Ausgaben später hat das Festival im Wald Amsterdamse Bos seinen Ruf mit genau dem gegenteiligen Instinkt aufgebaut: tief buchen, seltsam buchen, die Musik sprechen lassen. Genau deshalb lohnt ein zweiter Blick auf die diesjährige Ankündigung, nicht weil Dekmantel seinen Sound ändert, sondern weil es seine Form ändert.

Was ist dieses Jahr wirklich neu?

Zwei neue Programme, beide strukturell und nicht nur kosmetisch. 'At Dawn', produziert mit Resident Advisor, öffnet den Wald im ersten Tageslicht für eine Reihe von Sets, die um 3 Uhr nachts nicht möglich wären: Jeff Mills stellt eine neue Liveshow namens 'STARGATE' vor, Sampha spielt ein seltenes DJ-Set, DJ Sprinkles präsentiert 'Deeperama' und Eris Drew 'Mystery of the Motherbeat'. Es ist auf Wochenendticket-Besitzer beschränkt, was es zu einem echten Insider-Bonus macht statt zu einer Marketingzeile.

'Into the City' ist der größere strukturelle Umbruch. Seit dem Debüt 2013 blieb Dekmantels Hauptprogramm immer im Wald. Dieses Jahr nicht: Das Festival eröffnet am 29. Juli mit einem Konzert in der Oude Kerk, Amsterdams ältester Kirche, mit Space Afrika als Headliner, und zieht am nächsten Abend weiter ins Paradiso für Speedy Js Projekt 'STOOR' und ins Melkweg für DARKSIDE und Juan Atkins. Für ein Festival, dessen gesamte Identität der Wald war, ist das keine kleine Terminanpassung, sondern ein Statement: Die Marke kann ihr Zuhause verlassen.

Warum spielt Skrillex bei Dekmantel?

Hier ist, worüber die Szene wirklich redet. Skrillex, der Produzent, der den amerikanischen Mainstream-EDM Anfang der 2010er definierte, gibt dieses Jahr sein Dekmantel-Debüt in einem Back-to-Back-Set mit RHR. Dekmantel positioniert sich seit über einem Jahrzehnt als das Anti-EDM-Festival schlechthin, jenes, das Detroit-Techno-Pioniere und chilenische Minimal-Köpfe vor Festivalkreis-Headliner stellt. Skrillex auf dasselbe Lineup zu setzen, und sei es nur für einen Back-to-Back-Slot, ist eine echte Abweichung, und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem sich das Festival physisch über den Wald hinaus ausdehnt.

Das macht es nicht zu einem Verrat. Skrillex hat die letzten Jahre damit verbracht, die Ränder von Bass Music, Techno und Clubmusik auszuloten, statt bei den großen Drops zu bleiben, die ihn berühmt gemacht haben, und ein einzelner B2B-Slot ist keine Übernahme. Aber die Buchung steht direkt neben 'Into the City' als Beleg für dieselbe Grundfrage: wie weit kann ein puristisches Festival sein Format und sein Lineup dehnen, bevor sich genau das verwässert, was es besonders gemacht hat.

Wer steht sonst noch auf dem Lineup?

Der Rest des Lineups mit über 160 Künstlern liest sich wie klassisches Dekmantel, mit einer diesjährig deutlicheren Neigung zu Dub und Bass Music. Underground Resistance, das Techno-Kollektiv aus Detroit, kehrt mit Sänger Saul Williams zurück. Ricardo Villalobos und Helena Hauff sind ebenfalls wieder dabei. Das Wochenende eröffnet mit einem live improvisierten Set von James Holden und Surgeon, weiter weg vom EDM-Instinkt geht kaum.

Das Morgengrauen-Programm und die Stadterweiterung sind die eigentliche Geschichte hier. Skrillex belegt einen einzigen Back-to-Back-Slot auf einem Lineup mit 160 Künstlern, der Formatwechsel dagegen ist dauerhaft.