Techno war eigentlich nie ein Genre zum Zuhören. Betritt man einen ernstzunehmenden Club, trifft einen zuerst nicht das Ohr, sondern das Brustbein: Die Bassdrum trifft den Körper, bevor das Gehirn sie überhaupt als Klang verarbeitet hat. Genau diese körperliche Tatsache steckt hinter dem, was am 5. September in der AEDEN Berlin passiert, wenn die haptische Weste von Music: Not Impossible ihren ersten Auftritt in Deutschland hat.

Was macht die Weste eigentlich?

Das System, entwickelt von Not Impossible Labs unter Mick Ebeling, ist kein einzelnes Gadget, sondern ein Set: ein Brustharness plus Armbänder und Fußbänder mit insgesamt 24 Aktuatoren. Jeder ist einem bestimmten Frequenzband oder Instrument zugeordnet, sodass eine Basslinie an den Knöcheln ankommt, während eine Hi-Hat am Handgelenk tickt. Die Trägerinnen und Träger, gehörlos wie hörend, hören den Mix nicht rekonstruiert, sie spüren ihn in Echtzeit über den ganzen Körper verteilt, über eine besonders latenzarme Funkverbindung. Das Unternehmen hat genau dieses System bereits bei SXSW und beim Life Is Beautiful in Las Vegas eingesetzt, neben anderen Festivalbühnen, allerdings stets im Pop-, Rock- und Hip-Hop-Umfeld. Ein dedizierter Berliner Techno-Abend ist Neuland, und vermutlich stimmiger: Die gesamte Architektur des Techno, das basslastige Soundsystem, der Vierviertel-Puls, der einen Raum wie einen einzigen Körper bewegen soll, kam einem haptischen Instrument ohnehin schon näher als die meisten anderen Genres.

Warum auf einem Techno-Dancefloor testen und nicht auf einer Konzertbühne?

Bei einem Sitzkonzert fügt eine haptische Weste eine Empfindung hinzu, die sonst nicht da wäre. Im Club konkurriert sie mit etwas, das Clubgänger längst kennen: Bässe, die man dank eines darauf ausgelegten Soundsystems und Bodens körperlich spürt. Genau deshalb ist die AEDEN ein relevanter Ort für dieses Debüt und keine bloße Kuriositätenstation. Der Open-Air-Club in Kreuzberg baut seine Nächte ohnehin schon um Soundsysteme herum, die auf körperliche Präsenz getrimmt sind, die Weste führt also keine fremde Empfindung ein, sondern liefert 24 zusätzliche, präzise Kontaktpunkte für Menschen, die die Vibration des Raums bisher nur als undifferenziertes Grollen unter den Füßen spüren konnten.

Was testet SAME FLOOR eigentlich?

Der Name des Abends ist selbst die These: kein separater barrierefreier Slot an einem anderen Abend, sondern gehörlose und hörende Ravende auf derselben Tanzfläche, bei denselben DJs, zur selben Zeit. Das Line-up am 5. September besteht aus DJ Andi, DJ Artin, Ohnmacht live und Randali. Barrierefreiheit im Nightlife bedeutete bisher meist Rampen, untertitelte Bildschirme oder Gebärdensprachdolmetscher am Bühnenrand, nützlich, aber aufs Zuschauen statt aufs Mitmachen ausgelegt. SAME FLOOR wettet darauf, dass genau auf einer Tanzfläche der fehlende Baustein der geteilte körperliche Einschlag der Musik selbst ist, nicht nur der Zugang zu Informationen darüber.

Music: Not Impossible beschreibt das eigene Ziel als Schritt «über Barrierefreiheit hinaus, hin zu radikaler Inklusion»: eine gemeinsame Erfahrung schaffen, keinen bloßen Umweg.

Und wenn es funktioniert?

Ein Abend in einem einzigen Club schreibt nicht neu, wie europäische Clubs über Barrierefreiheit denken. Aber die Berliner Techno-Szene wiegt kulturell weit mehr als ihre Größe, und ein sichtbarer, gut besuchter Praxistest hier ist genau die Art von Signal, das andere Veranstalter tatsächlich wahrnehmen. Zieht SAME FLOOR echtes Publikum an und hält die Technik auch bei realer Clublautstärke, nicht nur unter einem Festival-Demozelt, dürften weitere Berliner und europäische Clubs bei Music: Not Impossible anfragen.