Kraftwerk hat wegen zwei Sekunden Schlagzeugschleife geklagt. Es brauchte fast dreißig Jahre, zwei Gänge vor Europas höchstes Gericht und eine Reform des deutschen Urheberrechts, um endlich eine endgültige Antwort zu bekommen.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat das gefällt, was er selbst als endgültiges Urteil in diesem Fall bezeichnet, und bestätigt, dass Moses Pelhams Verwendung einer verlangsamten Rhythmussequenz aus Kraftwerks „Metall auf Metall“ in Sabrina Setlurs 1997er Hit „Nur mir“ ein rechtmäßiges Pastiche nach deutschem Recht ist. Eine Erlaubnis von Kraftwerk war nie erforderlich.

Was hat das Gericht genau entschieden?

Der Fall, geführt unter dem Aktenzeichen I ZR 74/22, ist das jüngste Kapitel eines Streits, den das Lager von Kraftwerk-Gründer Ralf Hütter kurz nach dem Erscheinen von „Nur mir“ gegen Moses Pelham eröffnet hatte. Pelham hatte eine kurze Rhythmussequenz aus „Metall auf Metall“ genommen, leicht verlangsamt und daraus das Rückgrat des Tracks gemacht, den er für Setlur produzierte. Kraftwerk argumentierte, dies sei eine unerlaubte Nutzung ihrer Originalaufnahme. Pelham hielt dagegen, es handle sich um kreative Weiterverwendung, das Rohmaterial von Hip-Hop und elektronischer Produktion seit jeher.

Die Pressestelle des BGH fasste das Ergebnis in einer englischsprachigen Mitteilung vom 4. September 2026 unumwunden zusammen: Tonträgersampling kann als Pastiche zulässig sein. Das Gericht stützte sich auf Paragraf 51a des deutschen Urheberrechts, die Pastiche-Schranke, die bei einer Gesetzesnovelle 2021 eingeführt wurde, größtenteils um das deutsche Recht an EU-Richtlinien zum digitalen Urheberrecht anzugleichen. Nach dieser Regelung ist eine Nutzung zulässig, wenn sie weiterhin an das Originalwerk erinnert, sich aber deutlich davon abhebt und eine Art kreativen Dialog mit ihm eingeht. Ist diese Schwelle erreicht, ist keine Erlaubnis nötig.

Ein Pastiche muss weiterhin an das Original erinnern, sich aber deutlich davon unterscheiden und in einen kreativen Dialog mit ihm treten: der rechtliche Maßstab, den der BGH anlegte, um den Fall abzuschließen.

Warum dauert es dreißig Jahre, bis ein zweisekündiges Sample geklärt ist?

Weil sich das Recht veränderte, während der Fall seinen Lauf nahm. Ende der 1990er oder in den 2000er Jahren vor deutschen Gerichten eingereicht, ging der Fall mehrfach bis zum BGH, wurde dem Europäischen Gerichtshof vorgelegt und nach der deutschen Urheberrechtsreform von 2021, die die Pastiche-Schranke überhaupt erst einführte, erneut vorgelegt. LTO, das juristische Fachmedium für deutsche Anwälte, beschreibt dieses Urteil als den eigentlichen Schlusspunkt nach fast drei Jahrzehnten zwischen nationalen Gerichten und Luxemburg.

Der Zeitpunkt fällt mit einer separaten Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs vom April 2026 zusammen, die dieselbe Argumentation EU-weit auf Sampling-Fälle anwendete. Deutsche Produzenten bekommen also keine isolierte nationale Ausnahme. Die Pastiche-Verteidigung ist inzwischen EU-Recht, keine Eigenheit des Bundesgerichtshofs.

Was ändert sich für Produzenten, die samplen?

House und Techno wurden auf Sampling aufgebaut, und der Kraftwerk-Katalog ist wohl die meistgesampelte Quelle der gesamten Geschichte elektronischer Musik. Dieses Urteil ist kein Freibrief, sich an jeder Platte zu bedienen. Der Pastiche-Maßstab verlangt weiterhin, dass das entnommene Material so weit verändert ist, dass es als Kommentar oder Dialog mit der Quelle gelesen werden kann, nicht als roher Diebstahl mit einem Filter darüber. Ein wiedererkennbarer Hook, der unverändert unter einem neuen Beat läuft, ist rechtlich eine andere Frage als eine zwei Sekunden lange, verlangsamte Rhythmuszelle, die tief im Mix vergraben ist.

Aber für den häufigsten Fall, ein kurzes, verändertes Fragment, das als Rohmaterial statt als Zitat genutzt wird, haben Produzenten in Deutschland und in der gesamten EU nun eine gerichtlich bestätigte Antwort: keine Clearance nötig, keine Verhandlung mit einem Rechteinhaber, der aus Prinzip ablehnen könnte. Das ist eine echte Machtverschiebung, weg von den Künstlern, deren Kataloge gesampelt werden, hin zu denen, die samplen, und das wird nicht jedem Rechteinhaber gefallen, der diesen Fall verfolgt.

Warum das wichtig ist

Sample-Clearance war für Produzenten jahrzehntelang eine rechtliche Grauzone, teuer zu navigieren und von Rechteinhabern oft genutzt, um eine Weiterverwendung komplett zu blockieren statt eine Gebühr auszuhandeln. Ein endgültiger, EU-konformer Pastiche-Präzedenzfall gibt Produzenten reale rechtliche Grundlage statt eines teuren Ratespiels, während Original-Künstler weniger Kontrolle darüber haben, wie Fragmente ihres Werks weiterwandern.

Was wir denken

Kraftwerk hat länger gekämpft, als die meisten Produzenten, die heute von diesem Urteil profitieren, überhaupt Musik machen, und sie haben genau bei der Art von Nutzung verloren, einer kurzen, veränderten Schleife, die den Großteil des Samplings in House und Techno ausmacht. Das ist kein Zufall. Das Gericht hat die Grenze dort gezogen, wo die Kultur längst lebt: Wiederverwendung als Rohmaterial ist kein Diebstahl, und das deutsche wie europäische Recht hat endlich eine Unterscheidung eingeholt, die Produzenten seit dem Auftauchen der Metall-auf-Metall-Schleife unter Sabrina Setlurs Stimme 1997 nach Gehör getroffen haben.

Häufig gestellte Fragen

Wie lautet das Aktenzeichen und wo kann ich das Urteil nachlesen? BGH I ZR 74/22. Der Bundesgerichtshof veröffentlichte am 4. September 2026 eine eigene englischsprachige Zusammenfassung mit dem Titel „Phonogram sampling may be permissible as a pastiche“.

Gilt das nur in Deutschland? Nein. Grundlage ist Paragraf 51a des deutschen Urheberrechts, doch diese Regelung setzt EU-Vorgaben um, und eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs vom April 2026 wandte dieselbe Argumentation EU-weit auf Sampling an, der Präzedenzfall reicht also über Deutschland hinaus.

Brauche ich trotzdem eine Clearance, wenn mein Sample wiedererkennbar ist? Sehr wahrscheinlich ja. Die Pastiche-Schranke schützt kurze, veränderte Fragmente, die in kreativem Dialog mit dem Original stehen, nicht eine direkte, wiedererkennbare Kopie. Je erkennbarer und unveränderter das Sample, desto schwächer die Pastiche-Verteidigung.