Die Landkarte der brasilianischen elektronischen Musik hat ein klares Zentrum: São Paulo, mit Rio de Janeiro weit dahinter. Jede große Buchung, jede Residency, über die berichtet wird, alles, was über die Elektroszene des Landes geschrieben wird, läuft über diese beiden Städte. LENDAA nicht.

Chapter V, die fünfte Ausgabe des Festivals in Folge, findet an diesem Wochenende statt, am 21. und 22. August, am Santuário Nhundiaquara, einem 400 Hektar großen Gelände im Atlantischen Regenwald bei Morretes, einer historischen Küstenstadt in Paraná, rund 90 Minuten von Curitiba entfernt. Kein Club, keine Lagerhalle, keine Stadt-Skyline im Hintergrund. Da ist Wald, der Rio Nhundiaquara und eine über hundert Jahre alte Eisenbahnlinie durch die Serra do Mar, mit der manche Besucher anreisen statt mit dem Auto.

Was unterscheidet LENDAA vom brasilianischen Club-Circuit?

Die meisten brasilianischen Elektro-Festivals dauern nur einen Tag und haben nur einen Zweck: ankommen, tanzen, gehen. LENDAA legt eine zweite Ebene auf dasselbe Wochenende. Der Samstag beginnt mit einem Wellness Day, Yoga- und Atemsessions in Zusammenarbeit mit Lofy Studio, bevor das Programm am Abend weitergeht. Das ist kein separat verkauftes Spa-Extra, sondern Teil desselben Programms wie die Headliner, auf demselben Gelände, mit demselben Ticket.

Dieses naturnahe, wellnessintegrierte Format bleibt im brasilianischen Elektro-Circuit selten, genau weil es teurer ist und logistisch schwieriger als eine Location in São Paulo zu buchen: Sound, Strom, Camping und Transport müssen mitten im Wald komplett neu aufgebaut werden, 90 Minuten von der nächsten Großstadt entfernt. Das fünf Jahre in Folge durchzuhalten, ist die eigentliche Geschichte, mehr als jedes einzelne Line-up.

Wer spielt beim Chapter V?

Die Headliner-Slots gehen an zwei Progressive-House-Veteranen: den französischen Produzenten Sébastien Léger, seit zwei Jahrzehnten eine feste Größe in der Progressive- und Tech-House-Szene, und den deutschen Produzenten D-Nox, die eine Hälfte von Stefan Netschs Projekt, das den Organic-House-Sound mitprägte, der heute eng mit Festivals wie diesem verbunden ist.

Drumherum setzt LENDAA auf die regionale Szene: Dora Furlan, Felipe Poeta und Yumi Project führen ein Support-Line-up an, zu dem auch Dor Danino, Carmelos, JACKSON, PA & Thibes, Riche und Unfazed gehören. Diese Mischung aus internationalen Headlinern und regionalen Talenten aus Paraná und Brasilien auf derselben Bühne ist bewusst gewählt: Sie behandelt die lokale Szene als gleichwertig neben den importierten Namen, nicht als bloßen Support-Act.

Warum zählt ein Wald-Festival für den brasilianischen Underground?

Weil es der Beweis ist, dass das Format den Markttest übersteht. Ein Nischenfestival mitten in der Natur, das um dasselbe Ticketbudget konkurriert wie der Club-Kalender von São Paulo, hätte nach ein oder zwei Ausgaben leicht scheitern können. LENDAA steht bei der fünften, auf 400 Hektar, mit internationalen Progressive-House-Headlinern, die immer noch dafür einfliegen.

Die Veranstalter fahren dieses Jahr zusätzlich die Kampagne 'No Phones on the Dancefloor', kein durchgesetztes Verbot, nur die Bitte, das Handy wegzustecken und zur Bühne zu schauen. Eine kleine Geste, aber sie passt zum Rest des Festivalkonzepts: weniger Bildschirm, mehr Wald, mehr echte Präsenz.

Die Idee dahinter ist keine Party mit angehängtem Yoga-Kurs. Sie ist als ein Wochenende, ein Gelände, ein Programm gedacht.