Amapiano hat sich seinen Ruf mit Hinterhof-Braais, Lautsprechern an Taxiständen und kostenlosen Parksessions erarbeitet. Deshalb lohnt es sich, innezuhalten bei dem, was passiert, wenn ein Fine-Dining- und Luxushandelsunternehmen um diesen Sound herum ein dreistöckiges Gelände mit Premium-Terrassen und eigenem Shop baut und das Ganze Festival nennt.

Das ist die Wette hinter dem [[event:marble-circus|Luxurious Marble Circus]] am 26. und 27. September im Ground the Venue in Muldersdrift, gleich vor den Toren Johannesburgs. Das Event wird gemeinsam mit der Marble Group produziert, der Restaurantgruppe hinter einigen der teuersten Tische Johannesburgs, und deren Handelsinstinkt zeigt sich deutlich: Das Gelände wurde auf drei Ebenen mit terrassierten Premium-Blickbereichen erweitert, dazu ein Markenshop, der neben der Musik Merchandise verkauft.

Was bieten die beiden Line-ups tatsächlich?

Die Aufteilung der Headliner folgt einer Stimmungslogik, keinem Zufall. Der Samstag neigt zu melodisch und tanzbar, angeführt vom belgischen Produzenten Lost Frequencies und der südafrikanischen House-Größe Shimza, unterstützt von Sxncello. Der Sonntag ist der Tag, an dem das Festival wirklich alles gibt: Kabza De Small, der Amapiano-Produzent, dessen Scorpion-Kings-Projekt mit DJ Maphorisa maßgeblich dazu beitrug, das Genre vom lokalen Sound zum nationalen Exportprodukt zu machen, steht ganz oben auf einem Line-up mit DJ Zinhle, Dlala Thukzin und einem Auftritt des Soweto Gospel Choir. Die beiden derzeit größten Namen des Genres, dazu einen auf Spektakel angelegten Chor, ausgerechnet an dem Tag zu platzieren, an dem das Gelände vermutlich am herausgeputztesten ist, zeigt deutlich, für wen die Veranstalter das Premium-Ticket gedacht sehen.

Die Aufteilung folgt einer Stimmungslogik: Samstag für das eher tanzfreudige Publikum, Sonntag für die Amapiano- und Afro-House-Namen, die das Festival tragen.

Reift die Szene, oder schleicht sich hier Luxus auf die Tanzfläche?

Amapiano und südafrikanischer House haben sich in fünf Jahren von lokalen Clubs zu großen Festivalbühnen und inzwischen zu Kooperationen mit Mode- und Getränkemarken entwickelt, und jetzt eben zur gehobenen Gastronomie. Eine Restaurantgruppe, die ein dreistöckiges Gelände mit Shop rund um ein DJ-Line-up baut, bietet ein wirklich anderes Produkt als ein Park-Jam oder eine Clubnacht: Sie greift die kommerzielle Strahlkraft dieser Kultur ab und legt eine Schicht darüber, Premium-Terrassen, kuratierte Gastronomie, Merchandise-Fläche, die die Wurzeln des Genres nie gebraucht haben. Wohlwollend betrachtet ist das der Beweis, dass die Szene inzwischen genau das Produktionsbudget und Markeninteresse befehligt, das europäische Techno- und House-Festivals für selbstverständlich halten. Weniger wohlwollend betrachtet ist es die Luxuswirtschaft, die eine Tanzflächenkultur entdeckt, die sie nicht selbst aufgebaut hat, und dafür Eintritt verlangt, sie anzusehen.

Warum das über ein einzelnes Wochenende hinaus zählt, oder eben nicht

In jedem Fall ist die eigentliche Frage eine wirtschaftliche: Wenn eine Gastronomie- und Hospitality-Marke statt eines Veranstalters der führende Partner eines Musikfestivals ist, folgt das Format tendenziell der Logik von Gastronomie und Handel, gestaffelte Preise, Premium-Zonen, Shop, statt der Clublogik. Es bleibt abzuwarten, ob andere südafrikanische Gastronomiemarken, die auf das Amapiano-Publikum schielen, das Modell der Marble Group kopieren, denn genau so wird die Live-Ökonomie eines Genres still und leise umgeschrieben.