Wer diesen Monat in einen vollen Berliner Club geht, sieht die Szene, die er immer kannte: lange Schlange, Türpolitik, ein Raum, der sich füllt. Diese Stabilität an der Oberfläche ist real. Die neue Studie Clubkultur Berlin 2026 der Clubcommission, erstellt mit dem Institut Goldmedia und der Senatsverwaltung für Wirtschaft, zählt seit 2020 24 geschlossene Clubs und Kulturorte gegenüber rund 25 Neueröffnungen im gleichen Zeitraum. Rein zahlenmäßig ist die Szene keinen Millimeter geschrumpft.
Was sich verändert hat, sind die Kosten dafür, das Licht anzulassen. Dieselbe Studie, die auf 102 vollständigen Betreiberbefragungen sowie zwölf qualitativen Interviews basiert, ergab, dass 39 Prozent der Clubs und Veranstalter 2025 mit Verlust abschlossen, gegenüber 21 Prozent im Jahr 2017. Der Anteil, der gerade noch kostendeckend arbeitet, sank im selben Zeitraum von 79 auf 61 Prozent. Volle Flächen und schrumpfende Margen sind hier kein Widerspruch, sie sind genau der Befund.
Warum verbirgt eine stabile Clubzahl ein wackligeres Geschäft?
Der Saldo aus Eröffnungen und Schließungen schmeichelt der Wahrnehmung, weil er Orte zählt, nicht Solvenz. Ein Club kann auf dem Papier überleben, weiterhin geöffnet, weiterhin programmiert, weiterhin in den Listen, während er jedes Jahr strukturell näher am Abgrund operiert. Die Zahlen der Clubcommission benennen drei Kostentreiber, die Betreiber am häufigsten nennen: steigende Personalkosten, steigende Betriebskosten und sinkende lokale Kaufkraft, dazu die chronische Miet- und Standortunsicherheit Berlins. Nur 8 Prozent der befragten Orte besitzen ihre Räumlichkeiten, 31 Prozent arbeiten mit Mietverträgen unter fünf Jahren, was bedeutet, dass genau die Betriebe, die den stärksten Margendruck abfedern müssen, auch am wenigsten Planungssicherheit haben. Mittelgroße Locations, etwa 201 bis 500 Kapazität, gelten laut Studie als am härtesten getroffen: zu groß, um auf Sparflamme zu laufen, zu klein, um die Eintrittspreise durchzusetzen, die sich eine Location in Berghain-Größenordnung leisten kann.
Wo ist das Geld von der Bar geblieben?
Der strukturellere Umbruch betrifft, womit Clubs überhaupt Geld verdienen. 2017 machten Gastronomie und Getränke rund 60 Prozent der Einnahmen eines typischen Berliner Clubs aus, der Eintritt gerade einmal 21 Prozent. 2025 hat sich dieses Verhältnis nahezu umgekehrt: Der Eintritt steht heute für 59 Prozent der Einnahmen, Gastronomie und Getränke für rund 20 Prozent. Das passt zu dem, was Betreiber über ihr Publikum berichten: 73 Prozent sagen, der Alkoholkonsum sei gesunken, 60 Prozent sagen, alkoholfreie Getränke seien gestiegen, und mehr als die Hälfte beobachtet kürzere Besuche, weil das Publikum den Abend gezielter plant, statt von der Öffnung bis zum Ende zu bleiben.
Clubcommission-Vorsitzender Marcel Weber brachte die Spannung bei der Vorstellung der Studie auf den Punkt: Die Tanzflächen sind voll, doch viele Betreiber kämpfen weiterhin wirtschaftlich, und genau diese Lücke zwischen Besucherzahlen und Bilanz zeigen die Zahlen.
Ein Club, der früher seinen Eintrittspreis über die Bar-Marge querfinanzierte, muss die Tür heute allein tragfähig machen, was den Einsatz bei jedem Ticketpreis, jedem Line-up und jeder Programmentscheidung erhöht. Day-Partys und weniger alkoholzentrierte Formate sind parallel gewachsen, doch die Studie versteht sie als Ergänzung des Kalenders, nicht als Ersatz für das nächtliche Kerngeschäft.
Ist die Berliner Szene wirklich gefährdet, oder nur unter Druck?
Bei der Auslastung bleibt die Bilanz gesund: 83 Prozent der Veranstaltungen erreichen mindestens 50 Prozent Kapazität, knapp ein Drittel liegt über 75 Prozent. Das ist keine Szene, die das Publikum verlassen hat. Doch 23 Prozent der befragten Betreiber sagen, sie erwägten ernsthaft, innerhalb der nächsten zwölf Monate zu schließen, eine vorausschauende Zahl, die der Netto-Saldo aus Eröffnungen und Schließungen überhaupt nicht erfasst. Rechnet man dazu eine Belegschaft, die zunehmend auf Minijob-Basis statt in Vollzeit beschäftigt wird, und die Schätzung der Clubcommission, dass die Szene der Stadt weiterhin rund 2,8 Milliarden Euro an indirekter Wirtschaftsleistung bringt, ergibt sich ein Bild, das weniger nach Niedergang aussieht als nach einer Maschine, die auf Hochtouren läuft, mit deutlich weniger Puffer pro Standort als noch vor sieben Jahren.
Für Booker und Veranstalter anderswo lohnt es sich, diese wachsende Abhängigkeit von der Abendkasse genau zu beobachten. Wenn Berlin, die Stadt, die ihre Identität auf billigem, spontanem Nachtleben aufgebaut hat, still und leise die Eintrittspreise anhebt, um das auszugleichen, was die Bar nicht mehr einbringt, dann sind andere Märkte mit demselben Rückgang beim Vor-Ort-Alkoholkonsum diesem Umbruch wahrscheinlich näher, als sie zugeben würden.



