Warum bekommt Villalobos in diesem Sommer eine zweite Cover-Story?

Resident Advisor veröffentlichte am 16. Juli „Ricardo Villalobos: Slipping Through Time“, die zweite Cover-Story des Sommers 2026, geschrieben von Oli Warwick, fotografiert von Rachel Reyes. Das Magazin macht kein Geheimnis aus der Natur des Gesprächs: Es ist, in den eigenen Worten, „a rare interview“, ein seltenes Interview mit einem Künstler, der in dreißig Jahren Karriere fast nie zugesagt hat. Diese Zurückhaltung ist die eigentliche Geschichte. Ricardo Villalobos macht keine Promo-Touren, folgt keinem Albumzyklus. Dass RA ihn in einem Sommer gleich zweimal bekommt, hat nichts mit etwas zu tun, das er verkaufen will, es ist eine redaktionelle Entscheidung.

Was sagt der Titel „Slipping Through Time“ über ihn aus?

Der Titel ist kein Zufall. Villalobos hat seine Karriere darauf aufgebaut, die Uhr zu ignorieren: Sets, die regelmäßig sechs, acht Stunden überschreiten, Tracks, die sich über zehn, fünfzehn Minuten ziehen, ohne den erwarteten Drop pünktlich zu liefern, eine Diskografie nach seinem eigenen unberechenbaren Zeitplan statt dem eines Labels. Die von RA gewählte Überschrift liest sich weniger wie eine Metapher als wie eine treffende Beschreibung, wie er arbeitet, hinter den Reglern und daneben.

Warum bleibt er die Referenz für Minimal und Deep Tech?

In Chile geboren, in Deutschland aufgewachsen, wurde Villalobos über Label wie Perlon und Playhouse zum radikalsten Rand der Frankfurter Minimal-Szene, wo „Alcachofa“ (2003) einen ausufernden, perkussiven Sound zur Genre-Referenz machte, die bis heute von Produzenten zitiert wird, die halb so alt sind wie er. Zwei Jahrzehnte später steht das Minimal- und Deep-Tech-Revival, das gerade über europäische Line-ups läuft, in seiner Schuld, auch wenn das selten ausgesprochen wird: Vieles, was heute als „lockere“ oder „hypnotische“ Programmierung durchgeht, ist eine verwässerte Version dessen, was Villalobos in den 2000ern schon in voller Konsequenz machte. Dass RA ihm in einem einzigen Sommer ein zweites Cover widmet, erinnert daran, dass die Quelle noch aktiv ist, und immer noch weniger vorhersehbar als alle, die ihn kopieren.

„A rare interview... our second cover story of summer 2026, Oli Warwick goes deep with the electronic iconoclast.“ - Resident Advisors eigene Einordnung des Stücks