Plunder-Techno ist kein Marketingbegriff aus einer Pressemitteilung. Er beschreibt genau, wonach es klingt: bereits existierende Rhythmen nehmen, den rollenden Bass der Cumbia, die abgehackten Kicks des Baile Funk, die Synkopen des Dembow, und sich weigern, sie bloß dekorativ zu belassen. Brenda, die Produzentin aus Bogotá hinter diesem Ansatz, schickt sie durch die Struktur der Techno, bis das Folkloristische und das Club-Funktionale dieselben vier Takte teilen.
Dieser Ansatz hat sie gerade in zwei Locations gebracht, die selten denselben Act in einem Jahr buchen. Im Mai spielte Brenda laut der Pressestelle des Barbican selbst in der Late-Night-Reihe «anyone can dance» der Londoner Kulturinstitution, an jenem Abend kuratiert vom Kollektiv Love in the Endz aus dem Umfeld von Reprezent Radio, gemeinsam mit dem chilenischen DJ Raff und der spanisch-bolivianischen Künstlerin Sofy Suars. Später im Jahr 2026 gehörte Brenda zu einem von TraTraTrax kuratierten Line-up im Panorama Bar, dem Raum innerhalb des Berliner Berghain, der seit zwei Jahrzehnten seine eigene Mythologie aufbaut. Das DJ-Mag-Porträt vom August 2026 zitiert Brenda mit den Worten, die beiden Termine seien «zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen prägende Meilensteine» gewesen.
Warum bucht ein kolumbianisches Label den mythenumwobensten Raum im Berghain?
TraTraTrax ist die Antwort. 2020 in Bogotá von DJ Lomalinda, Verraco und Nyksan gegründet, baut das Label seit fünf Jahren einen Katalog auf, der lateinamerikanisches Club-Vokabular als Rohmaterial für Techno und Bass-Musik behandelt statt als eigenständiges, getrennt zu haltendes Genre. Brendas Diskografie beim Label reicht von der Single «Relyquia» über die 2025er EP «Humedo», drei Tracks inklusive einer Kollaboration mit Labelmitgründer Verraco, bis zu Compilation-Beiträgen wie «Ultra-Feral» auf der hauseigenen Reihe «no pare, sigue sigue». Einen kuratierten Abend innerhalb des Berghain zu bekommen, ist nichts, was europäische Booking-Agenturen leichtfertig vergeben; es ist bislang das klarste Signal, dass das Berliner Haus TraTraTrax' Katalog als eigene Szene begreift, nicht als exotischen Import.
Was sagt diese Überschneidung tatsächlich über die Szene in Bogotá?
Sie sagt, dass die Exportkette für lateinamerikanische Club-Musik nicht mehr über die üblichen Filter läuft. Brenda brauchte weder einen europäischen Remix noch das Gütesiegel eines Festival-Kurators, um den Panorama Bar zu erreichen; das reichte allein durch TraTraTrax' eigenes A&R und Brendas eigenen Katalog. DJ Mag zitiert Brenda, die das Projekt weniger als Genre-Übung denn als Haltung beschreibt: «Entwicklung beginnt mit Hinterfragen. Sich zu fragen, wo ich stehe, was um mich herum passiert, und woher die wirklich zukunftsweisenden Ideen kommen.» Genau dieser Instinkt treibt eine ganze Generation von Produzenten aus Bogotá an, und deshalb ist ein Label, das drei von ihnen vor fünf Jahren gegründet haben, heute die erste Anlaufstelle internationaler Booker.
«Entwicklung beginnt mit Hinterfragen. Sich zu fragen, wo ich stehe, was um mich herum passiert, und woher die wirklich zukunftsweisenden Ideen kommen.»



