Dirtywave hat seinen Kultstatus Warteliste um Warteliste aufgebaut. Der M8 von Dirtywave ist ein Taschenformat-Hardware-Tracker, der zum bevorzugten Kompositionswerkzeug eines ganz bestimmten Teils der Techno-, Acid- und Chiptune-Szene wurde, Leute, die einen bildschirmlastigen, mausfreien Sequenzer wollten, den man mit zum Gig nehmen kann. Das Gerät hat sich außerdem den Ruf erarbeitet, schwer zu bekommen zu sein: Die aktuelle Model:02-Einheit kostet 699 Dollar und ist im eigenen Shop von Dirtywave gerade als ausverkauft markiert, ein Muster, das sich seit dem ursprünglichen Model:01 wiederholt und die Gebrauchtpreise weit über dem Listenpreis gehalten hat.
Am 9. September hat das Unternehmen diese Lücke geschlossen. M8 Music Tracker ging für 29,99 Dollar im App Store live, eine offizielle iOS-Version, die Dirtywave, CDM und The Beat Community alle als originalgetreu zum vollen Funktionsumfang der Hardware beschreiben, nicht als abgespeckte Begleitversion.
Was steckt wirklich in der 30-Dollar-App?
Laut Dirtywaves eigenem App-Store-Eintrag, bestätigt durch die Berichterstattung von CDM und The Beat Community über den Launch, bringt die iOS-App alle fünf Synthese-Engines der Hardware mit: Wavsynth (Wavetable-Chipsynthese), Macrosynth (über 40 verschiedene Syntheseverfahren), FMSynth (vierstimmige FM), Hypersynth (Sechs-Noten-Schwarm-Synthese mit 13 Oszillatoren) und einen vollständigen Sampler mit Aufnahmefunktion. Das Ganze läuft auf denselben acht unabhängigen monofonen Spuren und bis zu 128 Instrumenten pro Song wie die Hardware, mit Instrumententabellen, Skalen, Grooves und Wahrscheinlichkeitsbefehlen. Sie unterstützt CoreMIDI-Ein- und Ausgabe, verbindet sich mit externen Tastaturen, Gamecontrollern und einem Launchpad Pro MKIII, und Projekte, Samples und gerenderte Audiodateien landen alle in der Dateien-App von iOS.
Das Detail, das für alle zählt, die bereits die Hardware besitzen: Songs, Sample-Bänke und Themes sind vollständig zwischen App und einem M8-Gerät austauschbar. Einen Track im Zug mit dem Handy skizzieren und ihn am selben Abend auf die Hardware laden, um ihn live zu spielen. Diese wechselseitige Kompatibilität macht aus der App ein echtes zweites M8-Gerät, kein Spielzeug.
Warum ist eine ausverkaufte 699-Dollar-Box hier so wichtig?
Weil die Knappheit der Hardware genau das ist, was den Ruf des M8 aufgebaut hat, und genau das, was diese App infrage stellt. Kleine Produktionsserien, eine sehr treue Nischen-Community und ein Tracker-Workflow ohne echte direkte Konkurrenz haben den M8 zu einem Gerät gemacht, das man importiert, dessen Nachschub man im Auge behält und für das man gebraucht manchmal einen hohen Aufpreis zahlt. Als jemand im Elektronauts-Forum auf den App-Launch reagierte, ging es nicht um den Klang, sondern darum, dass man den Kauf der Hardware lieber gleich überspringen und stattdessen nur die App kaufen würde.
Das ist die eigentliche Geschichte hier. Dirtywave hat nicht einfach eine Oberfläche aufs Handy portiert, sondern dem M8 genau das genommen, was ihn exklusiv machte, nämlich eine 699-Dollar-Box besitzen zu müssen, die manchmal nicht mal auf Lager ist, und das für den Preis eines Abends verkauft.
Was passiert jetzt mit dem Gebrauchtmarkt?
Das beendet nicht die Nachfrage nach der physischen M8. Das eigene Display, die haptischen Regler, die Möglichkeit, ohne Handy oder Laptop live auf der Bühne zu spielen, das sind weiterhin echte Gründe für die Hardware, und viele Produzenten, die bereits eine besitzen, werden die App einfach als mobiles Skizzenbuch kaufen, das mit ihrem Gerät synchronisiert. Aber für den viel größeren Kreis derer, die neugierig auf Tracker-Komposition waren und keine Wiederverkaufspreise für ein nie ausprobiertes Gerät zahlen wollten, ist 29,99 Dollar kein automatisches Nein mehr. Gebrauchte Model:01-Einheiten, aktuell ab rund 500 Dollar auf Wiederverkaufsseiten gelistet, dürften diesen Druck als Erste spüren.



