Die Berliner Clubszene hat schon öfter Orte verloren. Was diskoBabel anders macht, ist der Zeitplan: ein konkreter Monat, eine tatsächlich gefällte Baumreihe, eine Räumung mit einem bereits feststehenden Datum.
Das Kollektiv betreibt seinen Kulturort in Containern und alten Güterwaggons an der Lilli-Henoch-Strasse, einem früheren Güterbahnhofsgelände in Prenzlauer Berg, das über ein Jahrzehnt zur Heimat von rund zwölf Kollektiven und etwa zwanzig ansässigen Künstlerinnen und Künstlern wurde. Lesungen, Theater, eine DJ-Kanzel im Container, eine Bar im Waggon: genau die Art improvisierter, günstiger Infrastruktur, die Berlins Underground zwischen den großen Namen am Laufen hält. diskoBabel e.V. hat nun bestätigt, dass dies die letzte Open-Air-Saison ist, bevor das Gelände bis Oktober 2026 geräumt werden muss, laut Groove.
Warum wird die Frist plötzlich so konkret?
Weil der Eigentümer bereits mit dem Räumen des Grundstücks begonnen hat. Bäume auf dem Gelände wurden im Vorgriff auf die Neubebauung gefällt, während Bezirksverwaltung und Eigentümer laut dem im März erschienenen Groove-Bericht immer noch darüber verhandeln, was die kulturelle Nutzung tatsächlich ersetzen soll. Genau diese Reihenfolge, das Grundstück wird geräumt, bevor die künftige Nutzung überhaupt feststeht, macht aus einer typischen Berliner Verdrängungsgeschichte etwas sehr Konkretes: Das Kollektiv plant eine Abschiedssaison auf einem Gelände, das sichtbar schon für etwas anderes vorbereitet wird.
diskoBabel sagt, man habe immer gewusst, dass dieser Standort nicht dauerhaft sei, sei aber erschüttert davon, wie schnell sich die allgemeine Lage entwickelt. Das Kollektiv sucht nun nach einem Ersatzort, ohne Garantie, rechtzeitig einen zu finden.
Ist diskoBabel ein Einzelfall?
Nein, und genau das ist der Punkt. Die Bilanz der Clubcommission Berlin für 2025 zählt 28 Clubschließungen gegenüber nur 7 Neueröffnungen, ein Nettoverlust von 21 Orten und das schlechteste Jahr für die Berliner Clubszene seit 2009. Steigende Mieten, Verwertungsdruck und dasselbe Muster aus „temporärer Nutzung“, die zur dauerhaften Zwickmühle wird, treffen Orte in der ganzen Stadt, von Gewerbegebieten bis zu innerstädtischen Grundstücken, die Eigentümer für den passenden Käufer zurückgehalten haben.
diskoBabel ist nicht einmal das einzige Kollektiv auf dem eigenen Gelände, unter dem der Boden ungleich schwankt. Jonny Knüppel, ein Club auf demselben Containergelände, veranstaltete im Januar eine Solidaritätsparty und sicherte sich damit eine vorläufige Gnadenfrist, mehr Zeit auf genau dem Grundstück, das diskoBabel nun verlassen muss. Das eine Kollektiv bekommt Aufschub, sein Nachbar eine Frist: So sieht Clubsterben in Berlin konkret aus, Ort für Ort, Verhandlung für Verhandlung, keine einzelne dramatische Schließung, sondern eine langsame, ungleiche Räumung.
„Erschüttert von den allgemeinen Entwicklungen der Berliner und deutschen Clubkultur“ beschreibt diskoBabel die eigene Reaktion, verspricht aber, die Saison durchzuprogrammieren.
Was passiert nach Oktober?
Unklar, und diese Unklarheit ist Teil des Mechanismus: Bezirk und Eigentümer verhandeln, die Uhr läuft, und das Kollektiv, das die Kultur des Ortes aufgebaut hat, sitzt nicht mit am Tisch. diskoBabel sucht nach einem neuen Standort, hat aber nichts Bestätigtes. Findet sich nichts, landet das Kollektiv in der Bilanz 2025 auf der Seite der Schließungen, nicht weil es versagt hätte, sondern weil der Boden unter ihm nie wirklich sein eigener war.
diskoBabels letzte Saison läuft vorerst weiter, auf einem Grundstück mit weniger Bäumen als im Vorjahr.



