Was haben die Kameras wirklich eingefangen?

Laut dem Bericht des Groove Magazins uber die Dokumentation waren die Y-Kollektiv-Reporter Henrike Muller-Mahn und Patrick Wagner monatelang undercover im deutschen Hardtekk unterwegs, jener ultraschnellen (bis zu 190 BPM) Spielart der Hardcore-Techno mit ostdeutschen Wurzeln, die heute Tausende, oft jugendliche, Fans auf Festivals zieht und Millionen Streams sammelt. Was sie beim Helene Beach Open Air und in einem Club in Sachsen-Anhalt mit den Kunstlern Hunnel und Anormal gefilmt haben, laesst keinen Interpretationsspielraum: Hitlergrusse auf der Tanzflaeche, offen getragene nationalistische Symbolik und eine Reihe von SoundCloud-Tracks mit Titeln wie 'Abschiebermukke' und 'Hitlertekk', die Abschiebung und NS-Ideologie direkt zum Thema machen, ohne jeden verschlusselten Code.

Warum ist die Szene gespalten, statt geschlossen dagegen aufzustehen?

Genau das ist die eigentliche Geschichte, und sie ist unbequem fuer Hardtekk. Vor der Kamera bestreitet TikTok-Kunstler Schillah jede rassistische Absicht und stellt das derbe, provokante Vokabular des Genres als Erbe der Bunkerkultur der 1990er und 2000er dar, jener rohen, regellosen Rave-Szene, aus der Hardtekk hervorgegangen ist. Diese Herkunft stimmt, aber laut der Doku ist sie zugleich zum Alibi geworden: SS-Referenzen und 'scherzhafte' Hitlergrusse verschwinden nicht, nur weil der Sound aelter ist als sie. Fabitekk hingegen bezieht die genau entgegengesetzte Position und lehnt die Vereinnahmung von Hardtekk durch Rechtsextreme als Rekrutierungsfeld offentlich und unmissverstaendlich ab. Genau an diesem Bruch, Erbe als Ausrede gegen Nulltoleranz, entscheidet sich gerade die Identitaet der Szene.

Eine fur die Dokumentation befragte Raverin sagt, der Extremismus in der Szene mache ihr inzwischen Angst, zu Partys zu gehen, die sie fruher geliebt hat.

Wer zahlt auf der Tanzflaeche tatsaechlich den Preis?

Sicher nicht die Kunstler, die auf TikTok uber Semantik streiten. Ein schwuler Besucher berichtete den Reportern, er sei auf Partys wiederholt belaestigt worden, weil er als 'linker Punk' wahrgenommen wurde, jene banalisierte, als Waffe eingesetzte Homophobie, die gedeiht, sobald eine Szene wegschaut. Ein Frankfurter Club-Betreiber wiederum bestaetigte Y-Kollektiv, bereits rechte Gaste aus seinem Laden geworfen zu haben, statt darauf zu warten, dass eine Dokumentation ihn dazu zwingt. Genau diese Kluft legt die Recherche offen: manche Veranstalter ziehen die Grenze bereits, waehrend manche Kunstler noch daruber streiten, ob es diese Grenze uberhaupt gibt.

Warum das wichtig ist

Ein nationaler offentlich-rechtlicher Sender richtet den Scheinwerfer auf eine schnell wachsende Jugendkultur und fragt, Kamera inklusive, ob sie zu einem Einfallstor fuer rechtsextreme Netzwerke geworden ist. Fuer Techno und angrenzende Szenen bleibt diese Frage nicht auf Hardtekk beschraenkt: jede Rave-Kultur, die auf dem Prinzip 'wir fragen niemanden, wer er ist, wir tanzen einfach' aufbaut, muss sich fragen, was passiert, wenn diese Offenheit ausgenutzt statt respektiert wird.

Was wir denken

Diese Recherche ist kein Angriff von aussen, es ist die Szene selbst, die sich im Spiegel betrachtet, und genau deshalb sollte man sie ernst nehmen, statt sie abzutun. Dass Fabitekk offentlich eine klare Linie zieht, nutzt der Zukunft von Hardtekk mehr als hundert Ausreden nach dem Motto 'das ist nur Bunkerkultur'. Ein Genre hat kein Recht, ein Hitlergruss-Problem als Erbe zu verkaufen.