Das ZDF hat echtes Geld in die Hand genommen, um sich den Gründungsmythos des Techno anzueignen. Vier Folgen, die Produktionskraft eines öffentlich-rechtlichen Senders, eine Geschichte rund um die Geburt des Kunstpark Ost, jenes Clubkomplexes, der auf dem ehemaligen Gelände der Pfanni-Werke entstand und zu einem der prägenden Orte der deutschen Technokultur der 1990er wurde. Die deutsche Kritik verbrachte die Woche nach dem Mediathek-Start am 7. August damit, dem Sender zu erklären, dass er den Kern verfehlt hat.

„München Beats“ folgt Linda Bierwirth, einer fiktiven 19-Jährigen, die den elterlichen Hof im Münchner Umland in Ismaning verlässt, um sich hinter den Plattentellern durchzuschlagen, während sich die Fabrik um sie herum in eine Ravelocation verwandelt. Auf dem Papier ist der Instinkt richtig: Land gegen Stadt, Tradition gegen Aufbruch, eine Subkultur, die kein Elternteil verstand. In der Praxis, so die Kritiken, die am 12. August durch die deutsche Presse gingen, sieht es ganz anders aus.

Was genau bemängelt die Kritik?

Groove, das deutsche Technofachmedium mit dem direktesten Bezug zum Thema, spricht offen von Enttäuschung: Die reale Textur der Ära, die Technokultur selbst und die Tiefe der queeren Subkultur, die den Kunstpark Ost aufgebaut hat, würden allesamt zugunsten einer Familien- und Liebesgeschichte an den Rand gedrängt. t-online.de fasst die Reaktionen unter einer unverblümten Überschrift zusammen, mit der Formel, die zur dominierenden Linie wurde: „Daily Soap statt Milieustudie“, eine Daily Soap, wo eine echte Milieustudie erwartet wurde. Die Übersicht von FAZE Mag bestätigt, dass negative Kritiken die Debatte klar dominieren.

Rolling Stone Deutschland geht bei der eigentlichen Handlungsmechanik am weitesten und hebt eine zentrale Storyline hervor, die es als „tragische inzestuöse Liebe“ zwischen zwei Hauptfiguren bezeichnet, ein Kniff, der laut der Kritik am Ende die eigentliche Geschichte der Szene überschattet, die die Serie zu erzählen vorgibt.

Das dominierende Kritikerurteil, laut t-online.de: „Daily Soap statt Milieustudie“.

Warum ist ein TV-Melodram für die Szene überhaupt relevant?

Weil Gründungsgeschichten Deutungsmacht sind. Wer erzählt, wie eine Szene entstand, entscheidet, was wichtig war, und eine öffentlich-rechtliche Miniserie erreicht ein Publikum, das die Szene selbst niemals erreichen würde. Der Kunstpark Ost war nicht bloß eine große Halle mit gutem Sound: Er war, so die Kritik an dieser Serie, ein Ort, an dem Technokultur und eine queere Subkultur gemeinsam etwas aufgebaut haben, auf den Trümmern eines wirtschaftlichen Umbruchs, der Schließung der Pfanni-Werke, den die meisten massentauglichen Erzählungen zugunsten eines Liebesdreiecks überspringen. Das auf ein Familienmelodram herunterzubrechen, ist nicht nur schlechtes Fernsehen: Es liefert dem breiten Publikum eine Version der 1990er, die die Menschen auslöscht, die tatsächlich dabei waren.

Genau in dieser Klemme steckt das ZDF jetzt, mit der linearen Ausstrahlung noch vor sich, am 26. und 27. August. Der Streaming-Start hat sein Urteil bereits von denen bekommen, die den Unterschied zwischen Milieustudie und Daily Soap kennen. Die TV-Ausstrahlung bringt ein zweites, größeres Publikum, das dieselbe Geschichte bekommt, sofern sich bis dahin nichts ändert.

Was passiert, wenn die TV-Ausstrahlung läuft?

Am fertigen Schnitt ändert sich zwischen Mediathek-Stream und den Terminen am 26./27. August nichts: dieselben vier Folgen, dieselbe Handlung. Was sich ändert, ist die Publikumsgröße: Eine bundesweite lineare Ausstrahlung erreicht Zuschauer, die nie die ZDF-Streaming-App geöffnet haben und keinerlei Kontext zu dem bereits erfolgten Verriss haben. Für einen Teil Deutschlands WIRD diese Daily Soap das sein, was sie über die Geburt der Münchner Technoszene wissen.