Was baute Mayuzumi 1955 bei der NHK wirklich?

Toshiro Mayuzumi studierte Komposition in Tokio und reiste 1952 nach Paris, wo er ein Konzert mit musique concrète von Pierre Schaeffer erlebte. Er kam bekehrt zurück. Der japanische Sender NHK hatte gerade ein Studio fertiggestellt, das direkt nach dem Vorbild des WDR-Studios in Köln gebaut war, jenes Labors, das der Welt Stockhausen schenkte. Es eröffnete 1955, ausgestattet mit sechs gestuften Sinuswellen-Oszillatoren, drei stufenlosen, Tonbandgeräten, zwei Ringmodulatoren und einer Filterbank mit 32 Bändern. Mayuzumi nutzte es noch im selben Jahr für drei kurze Stücke: „Music for Sine Waves by Sequences of Prime Number Ratios“, „Music for Modulated Wave by Proportion of Prime Numbers“ und „Invention for Square Wave and Saw-tooth Wave“. Keine Samples, kein aufgenommener Klang, nur rohe Wellenformen, auf Laborgeräten erzeugt und auf Band montiert, Monate bevor der Großteil der Welt den Begriff „elektronische Musik“ überhaupt gehört hatte.

Warum war ein Tokioter Sender fast allen anderen voraus?

NHK-Ingenieure sollen das gesamte Leitbild des WDR aus dem Deutschen ins Japanische übersetzt haben, bevor sie überhaupt etwas bauten, und behandelten das Studio eher als Ingenieurs- denn als Kunstprojekt. Dieser Ansatz wog schwerer, als es klingt: Innerhalb eines Jahres hatten Makoto Moroi, Toru Takemitsu, Minao Shibata, Toshi Ichiyanagi und Joji Yuasa alle im selben Raum gearbeitet, und 1966 war das Studio schon so anerkannt, dass Stockhausen dort gemeinsam mit dem NHK-Ingenieur Hiroshi Shiotani „Telemusik“ produzierte. Es war das Ingenieursbudget eines Staatssenders, keine Bohème-Szene, das Japan ein elektronisches Musikstudio vor weiten Teilen Europas verschaffte.

Wie verbindet sich ein Tonbandstudio von 1955 mit Yellow Magic Orchestra?

Eine direkte, dokumentierte Linie gibt es nicht, weder Hosono noch Sakamoto haben Mayuzumi je in einem Interview genannt, aber es ist dieselbe industrielle und rundfunktechnische Kultur des Landes, die dreiundzwanzig Jahre später Yellow Magic Orchestra hervorbrachte. Haruomi Hosono, Ryuichi Sakamoto und Yukihiro Takahashi gründeten die Gruppe 1978 und wurden schnell neben Kraftwerk als weitere Techno-Paten gehandelt. Detroits Belleville Three, Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson, haben erzählt, dass Yellow Magic Orchestra Teil des Mixes war, den DJ Electrifying Mojo in ihrer Jugend im Detroiter Radio spielte, direkt neben Kraftwerk und Parliament. YMO ging aber über bloßes Zuhören hinaus: Die Band gehörte zu den Ersten, die live mit dem neuen Roland-Drumcomputer TR-808 spielten, bei „1000 Knives“ 1980, und ihr Album „BGM“ von 1981 war die erste vollständige Platte, die um ihn herum gebaut wurde. Sakamotos eigenes „B-2 Unit“, ebenfalls von 1980, half im selben Jahr, die 808 im japanischen Pop zu etablieren.

Das Tonbandlabor eines Staatssenders 1955 und die Bassdrum eines Chicagoer Lagerhauses vierzig Jahre später entstammen derselben nationalen Ingenieursgewohnheit: erst die Maschine bauen, danach über die Kunst streiten.

Reicht die Verbindung über einen einzigen Drumcomputer hinaus?

Ja. Roland und Yamaha, die beiden japanischen Hersteller hinter TR-808, TR-909, TB-303 und DX7, machten Japan zum eigentlichen Hardware-Lieferanten von House und Techno, nicht nur zu einem frühen Abnehmer davon. Jede 909-Bassdrum und jedes 303-Acid-Quäken, das je einen Dancefloor angetrieben hat, läuft auf Schaltkreisen, die in demselben Land entworfen wurden, das 1955 in einem Rundfunkhaus ein elektronisches Musikstudio eröffnete.